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„Alle haben sie gerngehabt, aber wegen ihres Judensterns hat sie fortmüssen…“

v. l. n. r.: Dr. Joachim Dahlhaus, Altstadtrat Helmut Lechner und Bürgermeisterin Patricia Rebmann (Foto: Geschwill Presseservice)

(sg) Im Jubiläumsjahr „1250 Jahre Eppelheim“ wurde mit der Enthüllung einer Gedenktafel auch an ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte erinnert. Die in der Zeit des Naziregimes getötete Jüdin Rosa Piotrokowsky lebte als Pflegekind lange in Eppelheim und gehörte zu den Opfern des Holocausts. Gewohnt hat sie einst mit ihren Pflegeeltern in der Hauptstraße 29. Das Haus wurde später abgerissen. An seiner Stelle steht heute eine Trafostation der Stadtwerke Heidelberg. An der Fassadenfront zur Straße hin wurde jetzt eine Gedenktafel als Erinnerung und Mahnung angebracht, um ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Im Beisein von Bürgermeisterin Patricia Rebmann und Vertretern des Gemeinderates wurde die Gedenktafel von Altstadtrat Helmut Lechner und Dr. Joachim Dahlhaus enthüllt.

„Es gibt viele, die unwissend sind und die die Geschichte nicht kennen“, betonte die Bürgermeisterin. Die Gedenktafel soll an das Schicksal des jüdischen Mädchens erinnern, damit man für die Gegenwart Lehren aus diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte ziehen kann. Das sei heute, wo Hetze und Stimmungsmache das gesellschaftliche Klima vergiften, aktueller denn je. „Wehret den Anfängen!“, meinte Rebmann und wünschte sich, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Sie war dankbar, dass Altstadtrat Helmut Lechner und Dr. Joachim Dahlhaus das Leben der damals in Eppelheim lebenden Jüdin, die irrtümlicherweise unter dem Namen Rosalia Kwiatokowski geführt wurde, aufgearbeitet und zusammengetragen haben. Erst nach einer zufälligen Entdeckung in den Archiven kam heraus, dass sie Rosa Piotrokowsky hieß. Geboren wurde das Mädchen am 26. November 1908 als russische Staatsangehörige israelitischer Religion in Mannheim. Dorthin war ihre Mutter Selma ein halbes Jahr zuvor aus Lodz (damals Russisch-Polen) gezogen war. Die Ehe der erst 19-Jährigen mit dem Handelsmann Abraham Piotrokowsky war offenbar gescheitert. Auf Veranlassung des Jugendamts kam ihr Kind im August 1911 zu Pflegeeltern, den Eheleuten Johann und Gottliebin Karle, die keine leiblichen Kinder hatten. 1918 übersiedelten die Karles mit ihrem Pflegekind von Mannheim nach Eppelheim, wo sie etwa ab 1925 in einem eigenen Haus in der Hauptstraße 29 wohnten. Das Mädchen wurde im evangelischen Glauben erzogen, getauft und konfirmiert. Gearbeitet hat sie als Zigarrenmacherin in der Heidelberger Zigarrenfabrik Liebhold. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann für die junge Frau eine Zeit stetig zunehmender Erniedrigung und Entrechtung. Einen Antrag auf Einbürgerung lehnte das Bezirksamt Heidelberg 1934 ab. Wenig später versagte das polnische Generalkonsulat in München Rosa Piotrokowsky die Anerkennung als polnische Staatsbürgerin. Sie galt von nun an als staatenlos und musste aufgrund ihrer jüdischen Herkunft den zusätzlichen Vornamen Sara führen. Im Januar 1940 wurde sie von der Firma Liebhold entlassen. Um die Pflegetochter zu schützen, zog die Familie in das Dörfchen Ammertsweiler, dem Geburtsort der Pflegemutter. Das Haus in Eppelheim wurde vermietet. Im November 1941 ordnete die Gestapo Stuttgart die Abschiebung von 1000 Juden aus Württemberg in das „Reichskommissariat Ostland“ an. Von der Aktion war auch Rosa betroffen. Sie wurde nach Stuttgart gebracht und am 1. Dezember in die Waggons eines Zuges gepfercht, der Riga und das Lager Jungfernhof zum Ziel hatte. Unter Umständen, die nicht bekannt sind, hat Rosa noch mindestens bis 1944 gelebt. In diesem Jahr empfing ihre Pflegemutter letztmals Post von ihr. 1950 hat das Amtsgericht Heidelberg Rosa Piotrokowsky mit Wirkung vom 8. Mai 1945 für tot erklärt. Wie durch Aufzeichnungen überliefert ist, sei Rosa eine „warmherzige, hübsche, junge Frau gewesen, die jeder gern mochte“. „Alle haben sie gerngehabt, aber wegen ihres Judensterns hat sie fortmüssen…“